Buchtipp: »Vera und der Braune Glücksmann«

Der Judenmörder von Plötzensee

Das multimediale Totenbuch der Gedenkstätte Plötzensee listet Opfer des Faschismus auf, die in Plötzensee hingerichtet wurden. Jetzt schildert ein Buch die ungewöhnliche Geschichte eines der Geehrten: Er war ein zweifacher Judenmörder.

Es ist weithin unbekannt, dass sich Juden während der Nazizeit legal in Deutschland aufhielten. Die meisten Geduldeten lebten in »Mischehe«, verfemt, weitgehend entrechtet und mit Lebensmittelkarten ausgestattet, die kaum das Überleben sicherten. Und auch sie wären dem Massenmord nicht entgangen, doch wollten die Nazis sich erst nach dem Endsieg mit diesen Juden befassen.

Vera und Eva Korn, eine in Berlin-Mitte lebende Jüdin und ihre Tochter, hätten das Ende des NS-Regimes erlebt  wenn sie nicht Ende 1943 in Schöneberg einem Raubmord zum Opfer gefallen wären. Vera Korn gehörte zu den wenigen Juden, die nach mehreren Deportationswellen weiter in Berlin lebten, weil sie einst »Arier« geheiratet hatten. Zwar war sie inzwischen geschieden, doch hatte sie die Tochter christlich erziehen lassen. Das bedeutete auch nach einer Scheidung, dass der jüdische Elternteil vor einer Deportation in den Osten geschützt war.

Vera Korn wurde Anfang 1943 zu Hilfsarbeiten bei der Reichsbahn in Berlin dienstverpflichtet. Hier ließ sie sich mit August Eckert ein, einem »deutschblütigen« Arbeitskollegen, der sie heftig umworben hatte. Vera Korn wollte mit Hilfe von Eckert Deutschland verlassen. Eckert, der Geschwister in der Schweiz hatte, gab ihr das Versprechen, sie mit der Reichsbahn ins sichere, neutrale Ausland zu lotsen. Doch die »jüdisch-arische« Liebesaffäre begann sich bei der Reichsbahn herumzusprechen. Als Eckert vom Dienststellenleiter vor die Alternative gestellt wird, sich von der Jüdin zu trennen oder zum Hilfsarbeiter degradiert zu werden, kommt es zur Tragödie. August Eckert tötet Mutter und Tochter und bringt die Wertsachen der 1941 in Riga ermordeten Familie von Vera Korn an sich.

Vera Korn war keine Intellektuelle, wie etwa Victor Klemperer. Sie war auch kein Widerstandskämpferin. Sie war kein Kind reicher Juden, von denen sich viele vor dem Holocaust in den 1930er Jahren ins Ausland hatten retten können. Das Buch schildert den Alltag einer in Kriegsdeutschland lebenden unpolitischen Durchschnittsjüdin, deren Verlobter sogar noch vor dem Machtantritt der Nazis der NSDAP beigetreten war. Anfang 1933, als Millionen Deutscher in die Partei drängten, trat er aus Liebe zu einer Jüdin aus der NSDAP aus.

Die Aufklärung des Kriminalfalls geschieht im Bombenhagel alliierter Flieger. Warum die Polizei, die SS und die Gestapo einen Judenmörder jagten? Der Mord an den europäischen Juden sollte unter staatlicher Aufsicht ablaufen. Eigeninitiative zum persönlichen Vorteil, sprich: ein privater Raubmord, war nicht erlaubt.

Interessant sind die Nachkriegskarrrieren einiger der Protagonisten. So wird der Kriminalkommissar und SS-Mann, Rolf Holle, der den Täter in Abstimmung mit der Gestapo ermittelt und aufs Schafott bringt, einer der Gründer, wenn nicht sogar der geistige Schöpfer des Bundeskriminalamts in Wiesbaden.

Der Titel des Buches kombiniert den Vornamen des Opfers »Vera« mit einer gesellschaftlichen Funktion des Mörders. August Eckert hat in seiner Freizeit als »brauner Glücksmann« Lotterielose des Winterhilfswerks, eine Unterabteilung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), verkauft.

NoRa