Brandenburg: Interview mit Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk e. V.

 

Freilandlabor Brandenburg?

In Brandenburg wurden im Jahr 2006 auf einer Fläche von rund 430 Hektar genmanipulierte Maispflanzen angebaut. Das ist im Vergleich zu der Anbaufläche von konventionell angebautem Mais in Gesamtdeutschland ein sehr geringer Teil. Bedenkt mensch jedoch, dass in ganz Deutschland rund 900 Hektar Anbaufläche für Gen-Mais verwendet werden, dann hat Brandenburg eindeutig den Löwenanteil daran. Gegenstimmen und Proteste werden laut und organisieren sich in Initiativen und Vereinen. Christof Potthof arbeitet für das gen-ethische Netzwerk und ist gleichzeitig Sprecher für das Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg. Mit ihm zusammen haben wir versucht, Licht ins Dunkel des Gen-Anbaus zu bringen.

 

Was soll der Anbau von genetisch veränderten Pflanzen gegenüber dem industriellen Anbau überhaupt für Vorteile bringen?

Es geht zum einen darum, Pflanzen zu züchten, die trotz ihres fortgeschrittenen Wachstumsstadiums resistent gegenüber Unkrautvernichtungsmitteln sind. Da sich Nutzpflanze und Unkraut in ihrer Beschaffenheit oft ähneln, ist es bisher nur möglich, sogenannte Breitband-Herbizide bei Keimlingen einzusetzen. Das verringert natürlich den Ernteertrag. Mit Hilfe der Gentechnik soll erreicht werden, dass die Licht- und Luftkonkurrenz der Nutzpflanze  also das Unkraut auch dann noch ausgeschaltet werden kann, wenn die Nutzpflanze bereits genug Ertrag abwirft. Diese Praxis wird vor allem in Südamerika angewandt. Innerhalb Deutschlands ist hauptsächlich die Züchtung von Bt-Pflanzen üblich.

 

Was genau bedeutet Bt-Pflanzen? Welche Vorteile bringen sie für den Landwirt?

Der Name leitet sich aus dem Bakterium ab, dessen Gen in die Pflanzen eingeschleust wird. Die Pflanzen sollen dadurch befähigt werden, selbstständig ein Insektengift zu produzieren. Die toxischen Stoffe, die die Pflanze dank des Bakterien-Gens produziert, soll Fraßschädlinge vernichten.

Da in Deutschland bisher nur gen-manipulierter Mais kommerziell angebaut werden darf, richtet sich die kommerzielle gen-technische Veränderung der Maispflanze gegen Fraßschädlinge wie den Maiszünsler. Ein altbekannter Schädling, der genauso gut mit konventionellen und biologischen Mitteln bekämpft werden kann und bekämpft wird. Es kommt lediglich auf die entsprechende Behandlung des Feldes, z. B. das Unterpflügen der Maisstoppeln, in denen sich die Maiszünslerlarven aufhalten, an. Wird dies beispielsweise nicht getan und der neue Mais neben dem alten ausgesät, entstehen so regelrechte Zuchtstationen für diesen Fraßschädling. Der Einsatz von gen-manipulierten Pflanzen schafft dementsprechend Abhilfe für ein hausgemachtes Problem.

 

Welche Auswirkungen hat der gen-manipulierte Mais auf seine Umwelt?

Das ist schwer zu sagen. Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht möglich ist, eine neutrale Ausgangslage für allgemeingültige Untersuchungsergebnisse zu schaffen. Deshalb sind nur selektive Untersuchungen möglich. Zum Beispiel lässt sich die Wirkung des Toxins auf Schmetterlinge direkt nachweisen. Bedrohte Arten wie das Tagpfauenauge werden durch die Aufnahme von Pollen des Gen-Maises vergiftet. Doch nicht nur Schmetterlinge, sondern auch wichtige Nützlinge wie z. B. Trauermückenlarven sind von der toxischen bzw. wachstumshemmenden Wirkung der Gen-Maispollen betroffen.

Darüber hinaus lässt sich eine unkontrollierte Verbreitung der Pflanzen, sind sie erst einmal angebaut, kaum vermeiden. So kommt es zu Kontaminationen von konventioneller und ökologischer Ware.

 

Haben genetisch veränderte Pflanzen überhaupt einen ökonomischen Nutzen für die Landwirte?

Mais wird in Deutschland vor allem als Futterpflanze angebaut. Landwirte, die gen-manipulierten Mais verwenden, behaupten, es würde sich lohnen. Interessant ist jedoch, dass in Amerika, wo bereits seit mehr als zehn Jahren genetisch veränderter Mais angebaut wird, ein Rückgang des ökonomischen Gewinns zu verzeichnen ist.

 

Von einer anderen Seite betrachtet, stellt der Anbau von Gen-Mais ja vor allem ein Problem für Bio-Landwirte und Bio-ImkerInnen dar. Ergeben sich abgesehen von der Verunreinigung durch Pollenflug weitere Probleme?

Sobald eine Region beginnt, sich als Anbaufläche für Gen-Mais zu etablieren, so wie es sich im Landkreis Märkisch-Oderland abzeichnet, haben sowohl konventionelle als auch Bio-Landwirte vor allem ihren Ruf zu verlieren. Es ist ziemlich schwer, Bio-Produkte aus einem Anbaugebiet für Gen-Mais zu vermarkten.

Diese Problematik spielt sich hauptsächlich auf der Ebene des Zwischenhandels ab und betrifft genauso auch konventionelle Landwirte. Wenn bei großen Supermarkt-Ketten die Entscheidung getroffen wird, woher die Lebensmittel stammen, die sie verkaufen wollen, haben Anbieter aus Gentechnik-Anbaugebieten einfach schlechte Karten. Für diejenigen, die sich direkt mit dem Endverbraucher auseinandersetzen, wie z. B. Bio-ImkerInnen, wird es natürlich noch schwerer, ihre Ware zu verkaufen.

 

Warum ist es so wichtig, die Öffentlichkeit auf den Anbau von Gen-Mais aufmerksam zu machen?

Deutschland befindet sich momentan noch in einer Anfangsphase. Deshalb ist es für uns wichtig zu zeigen, dass wir nicht bereit sind, einen solchen Strukturwandel in der Landwirtschaft zu akzeptieren. Darüber hinaus geht es nicht nur darum, den Anbau von genetisch veränderten Futterpflanzen in Deutschland zu verhindern, sondern auch der Import von gen-manipulierten Soja-Pflanzen soll gestoppt werden. Es reicht nicht aus, in Deutschland eine weiße Weste zu tragen und in anderen Ländern oder auf anderen Kontinenten wird der Anbau weiter ungehindert betrieben.

Das Auge der Öffentlichkeit muss deshalb auf den Anbau von genetisch veränderten Pflanzen gelenkt werden, da vieles im Geheimen passiert. Wir bringen Landwirte in die Situation, gegenüber der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen, da wir es für ihre Pflicht halten, ihren Umgang mit Nahrungsmitteln transparent zu gestalten. Auf regionaler Ebene versuchen wir deshalb, GVO-Bauern (Bauern, die genetisch veränderte Organismen anbauen) bei ihren VerpächterInnen und NachbarInnen öffentlichkeitswirksam zu verpetzen, um so die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

Natürlich verstehen wir uns gleichzeitig als Sprecher von VerbraucherInnen, die keine gen-manipulierten Nahrungsmittel haben wollen.

 

Woher wisst ihr, welche Felder mit Gen-Mais bepflanzt werden (sollen)?

Es gibt ein öffentlich zugängliches Register, in dem GVO-Felder verzeichnet sind. Die Bundesregierung arbeitet im übrigen daran, diesen Zugang einzuschränken. Bislang können wir jedenfalls dieses datenbasierte Internetportal nutzen, um vor Ort mit Aktionen und Veranstaltungen präsent zu sein. Dabei arbeiten wir nicht selten mit Kirchen zusammen, da die meisten ländlichen Kirchengemeinden als Großlandbesitzer in ihren Pachtverträgen die GVO-Nutzung von Feldern ausschließen.

Erst wenn die Öffentlichkeit überhaupt über den Anbau von Gen-Mais informiert ist, kann sich Widerstand dagegen regen.

AnG

 

Weiterführende Links:

www.gentechnikfreies-brandenburg.de

www.gen-ethisches-netzwerk.de

www.dosto.de/gengruppe