Januar 1995

 

Franziska Tenner: Ehre, Blut und Mutterschaft

 

Franziska Tenner, Jahrgang 1966, beschreibt fünf (Neo-) Nazigrößen, die alle nur eins gemeinsam haben: sie sind Frauen. Durch ständige Kontaktaufnahme ist es der Autorin gelungen, das Vertrauen der fünf zumindest soweit zu gewinnen, daß sie Interviews mit ihnen führen konnte (wobei ihnen natürlich nicht klar war, für was für ein Buch).

Dr. Ursula Schaffer, geboren 1912, hat schon 1933 die Überführung der Bündischen Jugend in den Bund Deutscher Mädchen (BDM) übernommen, zusammen mit Magda Goebbels. Seit 1970 war sie Mitglied der NPD, 1983 gründete sie die Berliner Kulturgemeinschaft Preußen e.V., dessen Ziel "die Pflege und Erhaltung der deutschen Geschichte und der deutschen Kultur, des deutschen Brauchtums, der deutschen Kulturdenkmäler" ist. Dieser rechtsextremistische   Verein   lädt    u.a.    zu "Rassekundeschulungen" ein. Außerdem ist sie Ehrenmitglied der verbotenen rechtsradikalen "Wiking-Jugend". Ihr größtes Ziel ist es. Jugendliche für die Nazi-Ideologie zu gewinnen.

Anka Hübner, Jahrgang 1972, ist die Ehefrau des Neonazi-Führers Frank Hübner aus Cottbus und Mutter einer drei Jahre alten Tochter mit ihm. Sie liebt Schmuck und Mode, trägt zum Entsetzen ihres Mannes sogar einen Nasenring. Politisch ist sie ihrem Mann sehr nah (wobei dies wahrscheinlich nur mit ihm und nicht mit der Politik zu tun hat). Über den Neonazi-Aussteiger Ingo Hasselbach sagt sie, daß er seine "gerechte Strafe" erhalten wird.

Monika Baginski, geboren 1970, ist die gewalttätigste von den beschriebenen Frauen. Sie ist alkoholabhängig, nach der Scheidung von ihrem Mann einsam und vorbestraft, weil sie eine brennende

Benzinflasche gegen ein Asylbewerber-Heim geschleudert hat. Sie war Mitglied der mittlerweile verbotenen DA.

 

Lisa W., Jahrgang 1971, war mit dem schwulen Michael Kühnen verlobt und hat mit Christian Worch zusammengelebt. Ihre Überzeugung hat sie sich unabhängig von Männern gebildet, wobei sie sich jedoch von ihren jeweiligen Partner stets unterstützen und fördern läßt. Ihr Name ist der Autorin bekannt, ihre Anonymität war aber die (einzige) Bedingung für das Interview. Lisa W. ist emanzipiert und modern.

Gerlinde Gronow, 20 Jahre, einzige weibliche Mitarbeiterin der "Jungen Freiheit", ist äußerst elitär und Anhängerin der Herrenmenschenideologie. Sie lebt im Prenzlauer Berg und kleidet sich bewußt wie eine Szenefrau, um nicht aufzufallen.

 

Fazit: "Ehre, Blut und Mutterschaft" ist ein spannendes Buch (nicht nur für Frauen!), weil ausführlich über Neonazi-Frauen, ihre Beziehungen untereinander und zu den Männern berichtet wird. Die   Frage,   wie Emanzipation  und Nationalsozialismus zusammenpassen, wird allerdings auch hier nicht geklärt. Streckenweise ist das Buch etwas langatmig, wenn die Interviews (alle in Monologen gehalten) von Kindheit und (nicht politischer) Jugend der Frauen handeln. Trotz allem ist das Buch unbedingt empfehlenswert, u.a. auch wegen des Anhangs, der die Aktivitäten, Gruppen und Gewalttaten detailliert auflistet.

 

Aufbau-Verlag, 25,00 DM

 

Bianca